Es stimmt: H&M ist nicht sauber, Zara produziert unter fragwürdigen Bedingungen, und die Baumwolle von Adidas kommt nicht immer aus einwandfreien Verhältnissen. Doch wer diese Tatsachen als moralischen Schutzschild für den eigenen Shein-Einkauf heranzieht, verwechselt billige Relativierung mit valider Argumentation. Fremde Fehler sind kein Freibrief.
Shein ist nicht nur Fast Fashion. Shein ist Ultra-Fast Fashion – dieser feine sprachliche Unterschied markiert einen gewaltigen Abgrund. Während H&M das Klimaranking immerhin mit der Note B+ verlässt, kassiert Shein ein glattes, beschämendes F. Während Zara zumindest Transparenzberichte veröffentlicht, gleicht Sheins Lieferkette einer Blackbox, aus der Gerüchte über brutale 75-Stunden-Wochen sickern. Und während etablierte Moderiesen versuchen ihre Emissionen zu reduzieren, steigert Shein seine CO2-Bilanz innerhalb eines einzigen Jahres um unfassbare 23 Prozent. Dass der Konzern sich gleichzeitig mit grünen Klimaversprechen bis zum Jahr 2050 schmückt, ist eine aktive, kalkulierte Täuschung der Verbraucher.
Täglich fluten 10.000 neue Designs die Plattform, gierig konsumiert von 363 Millionen Website-Besuchern im Monat. Diese Zahlen sind kein ökonomischer Erfolg – sie sind eine moralische Anklage. Der Fast-Fashion-Tsunami rollt schneller denn je, und die Politik kommt nicht mit. Ab Jetzt ( Juli 26) will die EU zwar erneut härter durchgreifen, doch um einen Riesenkonzern wie Shein zu stoppen, braucht es mehr als schlüpfrige Gesetze. Es braucht einen Systembruch.
Natürlich gilt: Alle Fast-Fashion-Marken sind Teil eines riesigen, globalen Problems. Aber Shein ist aktuell das gefährlichste Zahnrad in diesem System – und zwar mit extremem Abstand. Der Unterschied zu den anderen liegt längst nicht mehr im Ob. Er liegt im zerstörerischen Ausmaß.